18 Januar 2026 - 22:49
Source: IQNA
Angewandte Geographie des Widerstands: Strategisches Erbe des Märtyrers Soleimani

Der irakische Politologe ist der Ansicht, dass der Märtyrergeneral Hajj Qassem Soleimani durch die Überwindung traditioneller geografischer Grenzen und Neudefinition des Widerstandsbegriffs die Sicherheitsgleichungen Westasiens so veränderte, dass selbst nach seinem Märtyrertod die Abschreckungsachse des Widerstands erhalten blieb und sich die Manifestation dieses strategischen Erbes in der Zurückhaltung der Großmächte zeigt, trotz Eskalation der Spannungen in einen großflächigen regionalen Krieg einzutreten.

Im Gespräch mit IQNA anlässlich der Internationalen Widerstandswoche betont der irakische Schriftsteller und Analyst Hassan Darbash al-Amiri, dass die „funktionale Geografie des Widerstands“ den Feind zwang, Abnutzungskriege zu führen. Das Interview untersucht insbesondere die These, dass die Forderungen nach der Entwaffnung des Widerstands nicht bloß eine technische Forderung ist, sondern ein Projekt zur Beendigung dieser Abschreckung und zur Wiederherstellung der „einseitigen Hegemonie“ in der Region darstellt.

Dieses Gespräch verläuft wie folgt:

IQNA - Was ist Ihrer Meinung nach das intellektuelle und praktische Erbe von General Soleimani auf dem Gebiet der Geographie des Widerstands und wie erscheint er in den heutigen regionalen Gleichungen?

Das wichtigste Vermächtnis des Märtyrers Soleimani lässt sich im Konzept der „angewandten Geographie des Widerstands“ zusammenfassen – und nicht in der traditionellen Geographie.

Der Märtyrer Soleimani verwandelte die Geografie jenseits formaler Grenzen in einen Raum für Einfluss, Bewegung und Einheit auf dem Schlachtfeld. Er führte die Idee ein militärische Schwäche durch Zersplitterung, Flexibilität und mehrere Fronten auszugleichen um den Feind zu verwirren. Er wandelte den Konflikt von „Zentrum gegen Zentrum“ zu „Netzwerk gegen System“.

Der Märtyrer Soleimani schuf strategisch miteinander verbundene Korridore (Irak-Syrien-Libanon), die die Region logistisch und personell verbanden. Dieser Ansatz machte einige fragile Staaten zu berechenbaren Akteuren im regionalen Machtgefüge und trieb die Kosten einer umfassenden Konfrontation mit der Widerstandsachse in unerschwingliche Höhen, sodass der Feind gezwungen war verlustreiche Abnutzungskriege zu führen.

Die Manifestation dieses Erbes (angewandte Geographie des Widerstands) in der Region zeigt sich heute in der Zurückhaltung der Großmächte, trotz zunehmender Spannungen in einen großflächigen regionalen Krieg einzutreten.

Die Fortsetzung der asymmetrischen Abschreckung trotz enormer militärischer Ungleichgewichte und ständige Präsenz der Palästinafrage in den regionalen Kalkulationen – nicht nur als moralisches Anliegen, sondern auch als strategischer Faktor – sind weitere Manifestationen davon.

Kurz gesagt, war der Märtyrergeneral Qassem Soleimani nicht nur ein Feldkommandant, sondern ein bedeutender Architekt auf dem Gebiet der modernen Kriegsführung.

IQNA – Die Feinde der Widerstandsachse versuchen, den Begriff „Widerstand“ durch Medien und Diplomatie zu verändern. Wie können wir das intellektuelle Erbe von General Soleimani im Kontext dieser Deutungskriegsführung bewahren?

Jahre nach der Ermordung des Märtyrergenerals Qassem Soleimani kann man sagen, dass sich die Achse des Widerstands nicht zurückzog, sondern von einer zentralisierten charismatischen Führung zu einer vernetzten und multipolaren Führung übergegangen ist.

Die von Märtyrer Soleimani etablierten Strategien sind nach wie vor wirksam, sehen sich aber einem komplexeren Umfeld und neuen regionalen und internationalen Herausforderungen gegenüber.

Was weiterhin wirksam ist:

Die Idee der Verknüpfung der Fronten (Irak, Syrien, Libanon, Palästina und Jemen)! Obwohl sie unter starkem Druck steht und ihr Umfang eingeschränkt wurde stützt sie sich immer noch auf einheimische ideologische Akteure als flexible und abschreckende Kraft anstelle klassischer Armeen.

Auch die Kombination aus militärischen Aktionen und politischem, psychologischem und medialem Druck durch mit der Widerstandsbewegung verbundene Medien wird fortgesetzt.

Was hat sich verändert oder abgeschwächt?

Das Fehlen einer Persönlichkeit mit der Fähigkeit alle Parteien und Fronten zu koordinieren.

Zunehmende lokale und individuelle Initiativen, die manchmal auf Kosten einer umfassenden strategischen Vision gehen.

Zunehmender wirtschaftlicher und sozialer Druck in den mit dem Widerstand verbündeten Ländern schränkte den Handlungsspielraum ein.

Der Verlust einiger fähiger Führungskräfte verringerte in manchen Bereichen die Initiative.

Diese Strategie hat jedoch weiterhin Bestand, auch wenn ihre Kohärenz nicht das Niveau der Ära von General Soleimani erreichte – einer Ära in der Entscheidungen auf einheitlicher Weisheit und einem präzisen Verständnis des Machtgleichgewichts beruhten.

Angewandte Geographie des Widerstands: Strategisches Erbe des Märtyrers Soleimani

IQNA – In der Region und der westlichen Welt fordern einige Strömungen die Entwaffnung von Widerstandsgruppen. Wie ist diese Forderung angesichts der Erfahrungen der Widerstandsbewegung vor Ort zu bewerten? Fällt sie in den Rahmen regionaler Sicherheit oder ist sie ein Versuch die Abschreckungskraft von Staaten zu schwächen?

Die Entwaffnung des Widerstands kann nicht als neutraler technischer Slogan betrachtet werden, sondern muss politisch und empirisch dekonstruiert werden, basierend auf dem was die Realitäten der Region in den vergangenen Jahrzehnten hervor brachten.

In diesem Zusammenhang sind folgende Punkte zu beachten:

Erstens: Diskurs über „regionale Sicherheit“:

Der Westen und einige regionale Bewegungen stellen diese Forderung unter Bezeichnungen wie Monopolisierung der Waffen in den Händen der Regierung, Verhinderung militärischer Instabilität, Vermeidung von Stellvertreterkriegen und Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit dar.

Auf theoretischer Ebene stimmen diese Konzepte mit dem Modell des modernen Staates überein, das Problem liegt jedoch in der selektiven Umsetzung und verborgenen Absichten hinter diesen Parolen.

Zweitens: Realistische Studien; was sagt die Erfahrung?

Die Erfahrung zeigt, dass überall dort wo der Widerstand vor der Bildung eines starken Staates entwaffnet wurde das Ergebnis Verwundbarkeit und nicht Stabilität war.

Beispiele aus dem Südlibanon vor dem Jahr 2000, aus dem Gazastreifen nach dem gescheiterten Teilungsversuch und aus dem Irak nach der Auflösung der Armee im Jahr 2003 belegen diese Behauptung.

Gleichzeitig wurde diesen Ländern keine wirkliche Abschreckungsalternative angeboten! Keine Sicherheitsgarantien, kein gerechter Verteidigungsschirm und kein wirkliches internationales Engagement zum Schutz der Souveränität.

Diese Forderung ist zudem selektiv, da sie Israel und sein Atomwaffenarsenal nie einschließt.

Drittens; praktische Konsequenzen dieser Anfrage:

Gemäß den Gegebenheiten vor Ort führt die Forderung nach Entwaffnung des Widerstands oft zu Folgendem:

Verlust der asymmetrischen Hemmung;

Die Rückkehr der einseitigen Hegemonie;

Und Umwandlung eines „kostspieligen Krieges“ für den Feind in „kostenlosen Druck“.

Präziser formuliert: Das Ziel der Entwaffnung des Widerstands ist die Beendigung seiner abschreckenden Funktion.

Viertens: Wann ist Abrüstung legitim?

Nur wenn ein Land wirklich unabhängig ist,

Die nationale Armee muss über Abschreckungsfähigkeiten verfügen.

Es herrscht ein faires regionales System.

Und die Wurzeln der Widerstandsbildung (Besatzung, Bedrohungen und Ungleichheit) wurden beseitigt.

Andernfalls wird die Abrüstung nicht nur Sicherheit, sondern auch neue Instabilität mit sich bringen.

IQNA – Angesichts des Wachstums antiamerikanischer Bewegungen und der Entwicklungen in Palästina, Libanon und Irak: Wie sehen Sie die Zukunft der Widerstandsbewegung im kommenden Jahrzehnt?

Die Zukunft der Widerstandsachse in den nächsten 10 Jahren wird keinen linearen Aufwärtstrend aufweisen und hängt von drei parallelen Faktoren ab: internationalen Entwicklungen, den innenpolitischen Bedingungen der Achsenmitgliedsländer und der Art und Weise, wie der Konflikt mit den Vereinigten Staaten und Israel geführt wird.

Weltweit schuf der Rückgang der US-Unipolarität Raum für nicht-traditionelle Akteure, dies bedeutet jedoch keine völlige Handlungsfreiheit.

Auf regionaler Ebene bleibt Palästina der symbolische und praktische Mittelpunkt dieses Krieges und Libanon sowie Irak werden heikle Schauplätze des Machtgleichgewichts zwischen Regierung und Widerstand sein. Jedes innenpolitische oder wirtschaftliche Scheitern in diesen Ländern könnte die Widerstandsachse schwächen.

Auf struktureller Ebene wird sich die Achse des Widerstands in Richtung einer stärkeren Dezentralisierung, Stärkung lokaler Kapazitäten und Investitionen in kostengünstige Abschreckung verlagern.

Insgesamt wird diese Achse bestehen bleiben, aber vorsichtiger, weniger lautstark und stärker auf innenpolitische Themen konzentriert sein und die lokalen Regierungen werden mehr Druck auf sie ausüben.

IQNA – Gibt es Anzeichen dafür, dass sich der Widerstand von einer Verteidigungskraft zu einer einflussreichen Regionalmacht wandelt?

Ja, dieser Wandel findet statt, aber nicht auf ideologischer, sondern praktischer Ebene.

Zu ihren Kennzeichen gehören die Fähigkeit den Lauf der Dinge zu beeinflussen, Rolle bei Kriegs- und Friedensentscheidungen zu spielen und Großmächten rote Linien zu setzen.

Diese Macht ist jedoch nicht die Macht der direkten Souveränität, sondern vielmehr die Macht der Abschreckung und Verhinderung von Übergriffen.

Kurz gesagt wird der Widerstand im kommenden Jahrzehnt weder einen klassischen Sieg erringen noch vernichtet werden; vielmehr wird er eine wirksame Kraft zur Anpassung der Herrschaftsgleichungen bleiben.

IQNA – Wenn wir General Soleimanis Botschaft und Strategie heute in einer kurzen Erklärung zusammenfassen sollten, wie lautet diese Botschaft an die Nationen der Region und die junge Generation?

Die Botschaft könnte wie folgt lauten: Diese Region wird nicht durch brüchige Bündnisse geschützt, sondern durch Schaffung einer autarken Streitmacht, die weiß wann sie kämpfen und wann sie Geduld üben muss. Souveränität wird nicht geschenkt, sondern durch langfristiges Bewusstsein erworben, nicht durch flüchtige Emotionen. Macht ohne Ethik wird zu Tyrannei und Ethik ohne Macht bleibt bloß eine Absicht. Schaffen Sie eine Strategie, die den Feind daran hindert einen entscheidenden Sieg zu erringen, denn Überleben ist der erste Sieg. Und vergessen Sie nicht: Macht, wenn sie nicht mit der Weisheit des Staates ausgeübt wird wird zur Last für das eigene Land.

Aber eine Botschaft für die jüngere Generation

Widerstand ist kein ständiger Rausch oder epischer Diskurs, sondern Ergebnis von Bewusstsein, Ordnung, Disziplin und strategischer Geduld. Der wahre Kampf findet nicht nur an vorderster Front statt, sondern auch im Schutz der Gesellschaft vor Spaltung, Korruption und Sinnesverlust.

Und eine Botschaft an die Länder der Region

Ohne Gleichgewicht gibt es keine Sicherheit, ohne Gerechtigkeit keine Stabilität und ohne unabhängige Entscheidungsfindung keine Souveränität.

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