AhlolBayt News Agency (ABNA)

source : IQNA
Dienstag

25 Februar 2020

08:28:00
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Der 250-jährige Mensch

Sind die zwölf Imame (a.) lauter heilige Individualisten gewesen, die immer wieder verschiedene Pläne verfolgten, abhängig von ihren Charakteren? Oder lassen ihre Biografien auf einen großen Plan schließen? Ein Beitrag von Jafar Bilal

Wie die Ahlulbayt Nachrichtenagentur ABNA berichtet, Ein Beitrag von Jafar Bilal

Die zwölf fehlerfreien Imame aus der Nachkommenschaft des letzten Propheten gelten für uns alle als Vorbilder. Doch wie kann man sich nach zwölf unterschiedlichen Personen richten? Gab es nicht Meinungsdifferenzen zwischen diesen Menschen? Oder muss sich unsere Einstellung ihnen gegenüber grundlegend ändern?

An einem Abend vor dem Sonnenuntergang wurde beobachtet, dass im Hause des Imam Hussein (a.) viele Menschen mit ihm auf das Fastenbrechen warteten und kein Essen zu sich nahmen. Unmittelbar danach sah man, dass im Hause Imam Hassans (a.) ein Mahl mit vielen Leuten stattfand, diese Menschen also nicht gefastet hatten. Ein Mensch, der das gesehen hatte, war verwirrt: Wie kann es sein, dass zwei fehlerfreie Menschen sich anscheinend nicht einig sind? Denn ein Imam scheint es angemessen zu finden, an diesem Tag zu fasten, der andere aber nicht.

So fragte der Mann nach und es wurde ihm geantwortet, dass dies keineswegs eine Differenz aufzeigt, sondern die Imame weder die Fastenden noch die anderen Menschen alleine lassen wollten, sondern sich abwechselten, um immer Essen bereitstellen zu können.

Diese Geschichte trägt zur Beantwortung der obigen Fragen bei, denn tatsächlich sind ein gegensätzliches Handeln oder unterschiedliche Vorstellungen unter den Imamen undenkbar. Es wäre paradox, wenn zwei Vollkommene in derselben Situation verschieden agieren würden. Deshalb gilt: Die Imame haben nie der Meinung eines anderen Imams widersprochen oder gar gegensätzlich gehandelt. Vielmehr lassen sich die Biografien dieser rechtschaffenen Menschen stark verknüpfen und hängen unmittelbar miteinander zusammen.

Aber wie können Imame, die Frieden geschlossen haben, einig sein mit Imamen, die Krieg führten? Den entscheidenden Gedanken hierzu liefert Imam Chamenei in seinem Buch Der 250-jährige Mensch, eine Zusammenstellung aus verschiedenen Schriften und Reden von ihm. Seine These lautet, dass die Imame als ein Mensch gesehen werden müssen, mit derselben Einstellung, demselben Weltbild und Ziel. Ihr Handeln war mit viel Weitsicht, arabisch basira, verbunden. Das Augenmerk lag auf den langfristigen Auswirkungen einer Tat und inwiefern dadurch die Zufriedenheit Gottes erlangt werden konnte.

Wie es für einen Menschen üblich ist, hängt sein Handeln von den zeitlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen ab und kann somit unterschiedlich ausfallen, ohne jedoch das Lebensziel aus den Augen zu verlieren.

Das beste Beispiel sind hierfür Imam Hassan (a.) und Imam Hussein (a.). Letzerer führte unerbitterten Widerstand gegen den Tyrannen seiner Zeit, während sich sein Bruder mit Muawiya auf einen Friedensvertrag einigte. Um zu erkennen, dass das keineswegs ein widersprüchliches Handeln ist, sondern komplett harmoniert, muss man sich Folgendes fragen:

Hätte Imam Hussein mit Yazid, einem für jeden offensichtlichen Frevler, der den islamischen Geboten keinerlei Achtung schenkte, einen Friedensvertrag schließen können? Was wäre der Ausgang eines Krieges gegen Muawiya, in dem Imam Hassan militärisch deutlich unterlegen war?

Ein Großteil der Beweggründe lässt sich bei einer umfassenden Untersuchung feststellen.

Somit sollten die Biographien der Imame nicht getrennt betrachtet werden, vielmehr ist es das gleiche Ziel, welches Prophet Muhammad und die zwölf Imame über die 250 Jahre verfolgten, nur wurden die Vorgehensweisen den zeitlichen und gesellschaftlichen Umständen angepasst. Der Samen, den Muhammad (s.) bzw. schon die Propheten vor ihm pflanzten und den die Imame zu einem fruchtbaren Baum pflegten, trägt nun Früchte, von denen wir profitieren. Die Fehlerfreien gaben uns mit ihrem Handeln viele Beispiele, die wir befolgen können oder müssen, und sorgten mit ihrer Politik für die Erhaltung des wahren Islams bis heute.

In der Zeit der (scheinbaren) Abwesenheit unseres Imam Mahdis (a.) haben die Gelehrten die Aufgabe, uns zu unterweisen, und wir sind verpflichtet unsere Religion zu kennen. Wenn wir eine islamische Theologieschule als Studenten besuchen oder diese zumindest finanziell unterstützen, so werden Gelehrte erzogen, die den Jugendlichen der Zukunft vor allem mit Sprachkenntnissen und Lebenserfahrung im Westen dienen können, wodurch diese innerlich wachsen und zu wahren Gläubigen werden können.

Das Fehlen dieser Theologen lässt sich überall feststellen: Menschen mit guten Deutschkenntnissen fehlt es oft an Fachwissen und unseren Gelehrten mangelt es leider häufig an der Sprache. Hätten die Muslime in Deutschland oder Westeuropa sich schon früher bemüht, solche Hauzas aufzubauen, so wären die Jugendlichen nicht mit ihren Fragen und Problemen alleine gelassen.

Wenn wir nun mit all unserer Kraft und Motivation die Theologiestudenten unterstützen, können wir uns auf kompetente Gelehrte freuen, auch wenn diese vielleicht erst nach unserem Tod in ausreichender Zahl und Qualität vorhanden sein werden.

Dies ist nur ein Beispiel für mögliches Handeln. Gefordert ist, die langfristigen Folgen unserer Aktivitäten, sowohl negativ als auch positiv, abzuwägen, um zur Zufriedenheit Gottes und Beschleunigung der Ankunft des zwölften Imams (a.), möge er bald erscheinen, zu gelangen.

Auch unsere Politiker und bedeutenden Theologen folgen und folgten festgelegten Zielen: Während z. B. in Bahrain die Widerstandsbewegung eher passiv agiert, tobt im Jemen ein erbitterter Krieg. Trotz dessen haben die Völker beider Länder die gleiche Motivation: die Abschaffung der Unterdrückung und Unabhängigkeit von fremden Mächten. Somit können wir uns sicher sein, dass das Ziel unserer großen Gelehrten und die Hoffnungen der Menschen dieselben sind, sei es im Irak, Bahrain, Nigeria oder woanders.



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