Frankreich

Wer Vulkane nicht fürchtet

  • News Code : 847083
  • Source : Islam.de
Brief

Bildungsfernsehen de luxe: Eine profunde Dokumentation über Indonesien zeigt, dass die größte muslimische Nation der Welt kein Problem mit der Demokratie hat.

Französische Dokumentaristen haben erfreulich wenig Scheu, ihr Publikum zu überfordern. Während sich Dokumentationen hierzulande oft exemplarischen Einzelereignissen widmen, sind bei unseren Nachbarn umfassende Länderporträts beliebt. Dank Arte kommen wir ebenfalls in den Genuss dieser meist hervorragend recherchierten Produktionen. Frédéric Compains zweiteiliger Film über Indonesien, dieses wohl zauberhafteste unter den großen Ländern, macht da keine Ausnahme. Die Reportage, die zugleich archivbasierte Aufarbeitung der Historie ist, überflutet uns geradezu mit Informationen zu Geschichte, Kultur und Politik des Landes. Das tut sie jedoch auf so durchdachte, unaufgeregte, schlüssig bebilderte Weise, dass man regelrecht eingesaugt wird in diese Reise ans Ende (oder den Anfang?) der Welt – wo sich Vulkane brodelnd mit dem Meer vermählen.

Und doch hat dieser Film eine konstruktive Besonderheit, weil Compain zwar auf alle Probleme der sich über Tausende von Inseln erstreckenden Nation eingeht, aber trotzdem das Positive in den Vordergrund rückt. Dafür gibt es gute Gründe, denn während sonst überall Autokratien und Kulturkämpfe zuzunehmen scheinen, ist hier eine Demokratie auf dem Vormarsch. So wenig gefestigt diese Staatsform in dem mehrheitlich muslimisch geprägten Archipel noch ist, trotzt sie seit zwei Jahrzehnten allen Widrigkeiten: Wirtschaftskrisen, Nachbarschaftskonflikten und dem Erstarken des Islamismus in einigen Regionen. Interviewpartner Compains sind hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, und sie betonen mehrfach, wie wichtig es sei, dass der Islam in Indonesien besonders friedfertig und keine Staatsreligion sei.

Eine Botschaft, fern des weit verbreiteten Alarmismus

Aufs Ganze gesehen – das ist die Zentralbotschaft dieses Porträts, die sich wohltuend vom verbreiteten Alarmismus unterscheidet – liefere Indonesien mit seiner Betonung von Toleranz und Gerechtigkeit den Gegenbeweis zum Arabischen Frühling: „Islam und Demokratie passen doch zusammen.“ Wer nur auf die Unruheprovinz Aceh blicke, die sich seit 2003 im Würgegriff der Scharia befindet, der übersehe, wie weit der Rest Indonesiens vorangekommen sei. Auch wirtschaftlich ist das Land im Aufstieg begriffen, soll 2030 die sechstgrößte Wirtschaftsnation der Welt sein. Dass der ökonomische Erfolg bislang nur wenigen zugutekommt und die Korruption noch lange nicht besiegt ist, beleuchtet der Film freilich auch, ebenso das mangelhafte Umweltbewusstsein: Immer noch werden riesige Torf-Areale brandgerodet und drainiert, um etwa Palmöl-Plantagen anzulegen. Die Spannungen mit dem unabhängigen Osttimor sind zwar beigelegt, nicht aber die mit den Freiheitskämpfern im annektierten Westpapua, wo eine sehr lukrative Goldmine liegt.

Dass es der Gesamtbevölkerung in dem Archipel dennoch heute besser geht als je zuvor, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die wechsel- und leidvolle Geschichte des Landes. Die Dokumentation legt das Hauptaugenmerk nicht auf die lange Kolonialzeit, die nach bekanntem Ausbeutungsmuster ablief – die Holländer errichteten auf Java ihre Haupthandelsniederlassung, das heutige Jakarta –, sondern auf deren Ende und die Zeit danach.

Es könnte, so zeigt der Film, weiter holpern auf dem Weg in die Moderne, denn viele soziale Probleme werden jetzt erst sichtbar. Dazu gehören die Landflucht, die Bildungsmisere, aber auch der Islamismus, der zwar eine extreme Randerscheinung sei, aber bereits seit 2002 - der Anschlag von Bali – gezielt den Tourismus ins Visier nimmt. Compain, der schon viel von der Welt gesehen (und gefilmt) hat, traut den katastrophenerprobten Indonesiern jedoch durchaus zu, sich diesen Problemen zu stellen. Es lohnt sich, seinen Argumenten zuzuhören, zumal der Westen diesen enormen Markt nicht gänzlich den Chinesen überlassen sollte.


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