Deutschland

Im Wanderzirkus der Geschichte

Im Wanderzirkus der Geschichte

akob Hein hat seinen ersten historischen Roman geschrieben. „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ erzählt, wie der Dschihad den ersten Weltkrieg beenden sollte.

Manche Ideen sind so wahnwitzig, dass sie schon wieder ernst zu nehmen sind. Eine Idee dieser Art wurde 1914 im deutschen Kriegsministerium ersonnen. Um den Ersten Weltkrieg für die Mittelmächte zu einem siegreichen Ende zu führen, plante die Militärführung, zusammen mit dem Osmanischen Reich den Dschihad zu organisieren. Die Ausrufung des Heiligen Kriegs sollte dazu führen, dass sich alle Muslime auch in den Kolonien gegen die britischen und französischen Mächte erheben und die Alliierten dadurch zur Kapitulation gezwungen werden. Dazu wurde ein tollkühner Plan erdacht.

Jakob Hein bedient sich in seinem neuen Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ dieser historischen Vorlage und behandelt damit ein Kapitel der Geschichte des Ersten Weltkriegs, dem ansonsten wenig Beachtung geschenkt wurde. Er erzählt das außergewöhnliche Abenteuer von Edgar Stern, der vierzehn muslimische Häftlinge aus französischer Gefangenschaft heimlich quer durch Europa nach Konstantinopel schleusen und dort unter feierlichem Aufzug freilassen sollte, um die Gunst des Sultans zu gewinnen, der schließlich den Heiligen Krieg der Muslime ausrief. Damit dies gelingen konnte, tarnte Edgar Stern die Gefangenen kurzerhand als Wanderzirkus.

„Sie konnten sogar in den Park gehen“

Die Geschichte wird auf 250 Seiten aus mehreren Perspektiven erzählt. Für Tassaout, einen jungen Marokkaner aus dem Dorf Megdaz, das hoch im Atlas-Gebirge gelegen ist, beginnt die Reise mit der Besetzung seiner Heimat durch die französische Armee, die fünfzig Marokkaner zu Soldaten macht. Als er in Belgien an der Seite der Franzosen kämpft, gerät er in deutsche Gefangenschaft. Dennoch hat der junge Mann einen erfrischend hoffnungsfrohen Blick auf die Welt. „Jetzt waren sie in Berlin, sie konnten sogar in den Park gehen, denn der große Kaiser hielt sie nicht gefangen, sondern war ihr Freund“, denkt Tassaout.

Während der gesamten Zeit seiner Gefangenschaft verliert er nicht ein einziges Mal aus dem Blick, was wirklich zählt: „Dass die Deutschen immerzu kamen, sie vermaßen, sie merkwürdige Kleidung anziehen ließen, mit der Tassaout aussah wie ein türkischer Kaufmann, und dass die Deutschen dann kamen und diese Kleidung selbst zerstörten, das spielte da keine wichtige Rolle. Wichtig war nur, dass ihre Reise bald beginnen würde.“ Denn das eigentliche Ziel der bunten Truppe, die wie ein Zirkus verkleidet ist, ohne jemals Artisten oder Kunstreiter zu Gesicht bekommen zu haben, besteht darin, nach Hause zu kommen.

Auch Edgar Stern geht es im Grunde nur darum, den Krieg zu beenden. Und zwar nicht nur möglichst schnell, sondern auch möglichst friedlich. Schon mit der Kriegserklärung der Deutschen an Frankreich zweifelt Stern erheblich am Sinn dieses Vorgehens. „Es war Stern im Zeitalter der Aufklärung, der Maschinen, der industriellen Zusammenarbeit nicht mehr möglich erschienen, dass sich die beiden Länder in einen geradezu mittelalterlich anmutenden Krieg begeben sollten.“

Klug, ungestüm und eigensinnig, wie er ist, schmiedet der Leutnant zunächst eigene Pläne zu einer raschen Beilegung des Konflikts, bevor er mit der Orient-Mission beauftragt wird. Edgar Stern ist schon als historische Figur ein hochinteressanter Charakter mit einer bewegten Lebensgeschichte. Der Sohn eines westfälischen Textilfabrikanten kam über Umwege zum Journalismus, arbeitete lange Zeit für Gustav Stresemann und trat über Jahre hinweg aktiv für eine europäische Einigung ein.

Erfolgreiche Verwirrung

Als Leser wünscht man sich, mehr von diesem Charakter lesen und erfahren zu können, statt sich mit den ständigen Perspektivwechseln begnügen zu müssen, die Jakob Hein im Schnitt alle drei bis fünf Seiten vornimmt. Denn dadurch ergibt sich ein komplexes Gebilde aus verschiedenen Handlungssträngen, die zusammenzuführen an mancher Stelle eine echte Herausforderung darstellt. Statt Hintergrundinformationen zu den verarbeiteten historischen Ereignissen und Persönlichkeiten hinten an den Roman anzuheften, hätte der Autor diese besser schon in einige Passagen einfließen lassen können, um den Leser vor Halt- und Orientierungslosigkeit zu bewahren.

Jakob Heins schriftstellerisches Werk zeichnete sich mit Büchern wie „Kaltes Wasser“ und „Wurst und Wahn – ein Geständnis“ bislang durch Komik und Satire aus. Mit „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ legt der Autor zum ersten Mal einen historischen Roman vor. Der Genrewechsel gelingt ihm scheinbar spielerisch, und Witz und Humor lassen sich auch in Heins jüngstem Werk nicht vermissen. Durch die vielen Stimmen, die von der Orient-Mission erzählen, haucht der Autor der Geschichte Leben ein. Doch zugleich stiftet er durch einige Perspektiven, die auf den ersten Blick gar nicht in die Mission involviert sind, erfolgreich Verwirrung für den Leser.Indem Jakob Hein einige historische Aspekte wie den Bau der ersten muslimischen Moschee in Deutschland nur anreißt, kann sich beim Leser während der Lektüre des Buches eine gewisse Unzufriedenheit aufgrund von fehlendem Hintergrundwissen einstellen – der allerdings damit beizukommen ist, dass man sich weitergehend mit den Fragen und Problemen rund um die historische Entwicklung der Beziehung zwischen Islam und Deutschland beschäftigt. Vielleicht ist es genau das, was Jakob Hein mit seinem neuen Roman erreichen wollte: seinen Lesern eine Anregung zum Hinterfragen, Nachlesen und Weiterdenken zu geben. Und allein dafür lohnt sich die Lektüre des Romans allemal.


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