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Für einen neuen Islam

Für einen neuen Islam

Abdel-Hakim Ourghi hat Ideen, wie eine Liberalisierung gelingen könnte: Mit seinen 40 Reformthesen will er den Islam aus seinen eigenen verschütteten Traditionen heraus erneuern.

Die Aufklärung des Islams ist kein Privileg des Westens. Bald nach Mohammeds Tod wurde rationale Glaubenskritik auch aus islamischen Kulturen selbst formuliert. Historisch konnten sich diese Versuche, Glauben und Vernunft zu versöhnen, aber nicht durchsetzen. Die islamische Philosophie kam im achtzehnten Jahrhundert zum Erliegen oder wandte sich der Mystik zu. Während in Europa die Aufklärung einsetzte, wurde die islamische Welt, von vereinzelten Reformversuchen abgesehen, von einer Rückwärtsbewegung ergriffen, die durch die koloniale Erfahrung noch einmal verstärkt wurde. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts keimte schließlich die Saat des politischen Islams auf in ihrer explosiven Mischung aus globalem Machtanspruch und Unterlegenheitsgefühl.

Mit seinen vierzig Reformthesen für einen liberalen Islam will der in Freiburg lehrende Islamtheologe Abdel-Hakim Ourghi den Islam ganz explizit aus seinen eigenen verschütteten Traditionen heraus erneuern. So beruft er sich beispielsweise auf die von der griechischen Philosophie beeinflusste Schule der Mu’tazila, die im achten Jahrhundert eine rationale Lesart des Korans forderte.

Für die Gegenwart zeichnet Ourghi das Bild eines pathologischen Islams, der unter dem Deutungsmonopol konservativer Gelehrter alle Reformimpulse erstickt und Muslime im Westen in eine anachronistische Parallelwelt drängt. In den Moscheen und Moscheeschulen wird nach Ourghi eine Pädagogik der Unterwerfung, der Unterscheidung von rein und unrein gepredigt und dem Terror der Boden bereitet.

Ein allzu vereinfachtes Bild?

Ourghi verfolgt auch einen politischen Einsatz. Er sieht die Zeit gekommen, den konservativen Gelehrten ihr Deutungsmonopol zu entreißen. Bisher wird ein liberaler Islam in Europa von den konservativen Verbänden, dem bevorzugten, aber in die Defensive geratenen Partner der Politik, niedergehalten. Man mag Ourghi ein vereinfachtes Bild vorwerfen. Jede pauschale Aussage über den Islam steht vor dem Problem, dass es anders als im Christentum keine Amtskirche und keinen klaren Bezugspunkt gibt. Ein Mangel an Differenzierung lässt sich aber auch jenen Kritikern Ourghis vorwerfen, die den Islam als zeitlose religiöse Wahrheit gegen jeden Reformversuch immunisieren und seine Machtseite verschweigen.

So forderte das Islamische Zentrum Freiburg Ourghis Entlassung von der Hochschule mit der Begründung, der Islam sei nicht reformierbar. In eine ähnliche Richtung gehen die Äußerungen westlicher Intellektueller, die Religion unter kulturellen Artenschutz stellen.

Zur Selbstaufklärung des Islams kann es bei Ourghi nur durch die viel geforderte, aber weiter nur von einer Minderheit praktizierte historisch-kritische Methode kommen. Ourghi hält sich dabei nicht mit philologischer Kleinarbeit auf. Er teilt den Koran schwungvoll in zwei Hälften und fordert die Konzentration auf den ethischen Koran der frühen mekkanischen Phase. Den politisch-juristischen Koran der späten medinensischen Phase, der von historischen Machtmotiven durchzogen sei, erklärt er in weiten Teilen für obsolet, darunter die berüchtigten Schwertsuren, die zum Kampf gegen Ungläubige aufrufen. Die zweite zentrale Glaubensquelle neben dem Koran, die Tradition des Propheten, sondert er ganz aus. Sie ist für ihn – wie für andere Vertreter seines Fachs – ein Spiegel politischer Interessen. Vermeintliche Glaubensvorschriften kann Ourghi durch die Deutung einzelner Suren entkräften: So bestrafe der Koran nicht den Abfall vom Glauben, und das Kopftuch sei keine religiöse Vorschrift.

Historisch-kritische Lesart bedeutet für Ourghi auch die Möglichkeit, einzelne Passagen abzulehnen, die nur aus ihrer Zeit heraus verständlich sind. Wie weit ist das vom Eklektizismus entfernt? Wird hier die Glaubenssubstanz dem westlichen Individualismus geopfert? Formulierungen wie „Anpassung“ an die westliche Lebenswelt sind nicht glücklich gewählt. Ourghi setzt Vertrauen in die individuelle Auslegung: Jeder dürfe den Koran nach Belieben interpretieren, eine vermittelnde Instanz zwischen Gott und Mensch sei nicht nötig. Das stellt es aber auch frei, ganz andere Passagen zu favorisieren.

Die spirituelle Seite des liberal-humanistischen Islams bleibt so eher blass. Stark ist das Buch in der Kritik des politischen Gegners. Ourghi geht hier ein hohes Risiko ein. Seine Forderungen werden auf Ablehnung und Hass stoßen. In der deutschen Politik deutet sich ein Stimmungswechsel an, aber noch immer bereitet man dem konservativen Islam den Boden. Entscheidend ist die Mobilisierung der schweigenden Mehrheit, die heute weder politisch noch religiös vertreten wird. Ihr Repräsentant muss nicht zwangsläufig der liberal-humanistische Islam sein. In der Debatte über den Islam in Deutschland ist Abdel-Hakim Ourghi aber eine unverzichtbare Stimme.


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