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Die vielen Wege in die Radikalität

Die vielen Wege in die Radikalität

In der Wissenschaft tobt ein Streit: Hat sich der Islam radikalisiert oder islamisiert sich die Radikalität? Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer spricht im Interview über die Scheindebatte.

Herr Kiefer, Sie wollen eine neue Studie zum Zusammenhang von Religion und Radikalisierungsprozessen durchführen. Ihre letzte liegt ein Jahr zurück – mit welchen Ergebnissen?

Wir analysierten damals die Chatprotokolle einer Gruppe radikalisierter salafistischer Jugendlicher – über 5.700 Whats-App-Nachrichten aus den letzten drei Monaten vor einem Anschlag. Die Mitglieder zeigten sich in den Chatverläufen in einem überraschenden Ausmaß religionsfern – einige von ihnen hatten keinen Koran zu Hause, einer wusste nicht einmal, wie man betet. Es handelte sich zu einem großen Teil um muslimische Jugendliche, die keine klassische „Moschee-Sozialisation“ in Form von Religions- und Koranunterricht erfahren hatten.

Was heißt das genau?

Wir wollen in den nächsten beiden Jahren Dialogsequenzen in verschiedenen sozialen Netzwerken untersuchen, beispielsweise Diskussionen in Facebook-Foren und in anderen Chaträumen. Hinzu kommt eine Reihe von Interviews mit Experten, die in der Präventionsarbeit tätig sind. Sofern die Möglichkeit besteht, wollen wir auch mit radikalisierten Jugendlichen selbst sprechen.

Rechnen Sie dadurch mit anderen Ergebnissen?

Das lässt sich im Voraus schwer sagen. Aber für bestimmte Milieus könnten die Ergebnisse denjenigen aus dem Jahr 2017 durchaus sehr ähnlich sein. Nicht wenige Gefängnisseelsorger etwa berichten ebenfalls von schlechten religiösen Kenntnissen islamistischer Inhaftierter. Ob sich solche Einschätzungen tatsächlich belegen lassen, muss natürlich erst geprüft werden.

Ihre These ist umstritten. Vor allem in der französischen Forschung wird sie derzeit sehr kontrovers diskutiert.

Durchaus. Momentan gibt es in der Forschung zwei Pole: Auf der einen Seite steht der französische Wissenschaftler Gilles Kepel mit seiner These, der Islam habe sich – etwa in den französischen Banlieues – radikalisiert. Die Gegenposition vertritt der nicht weniger renommierte Oliver Roy, der – gerade umgekehrt – von einer Islamisierung der Radikalität spricht. Roy zufolge sind viele der radikalen Islamisten bereits im Vorfeld kriminell und gewaltbereit. Der Islam dient ihnen lediglich zur nachträglichen Veredelung ihrer Positionen.

Sie tendieren dementsprechend eher zur Einschätzung Oliver Roys?

Wir haben es mit unterschiedlichen Gruppen zu tun, die sich radikalisieren. Wir sehen einerseits Menschen, die aus prekären Lebensverhältnissen kommen, früh mit Kriminalität in Berührung kommen und sich erst später der Religion zuwenden. Aber auch die andere Seite dürfen wir nicht unterschätzen: Der IS und andere islamistische Organisationen sind stark durchsetzt von Kader-Personen, die sowohl ideologisch als auch theologisch astrein geschult sind und sehr genau wissen, was sie tun. Hier ist der Verlauf der Radikalisierung ein anderer. Ich denke daher, sowohl Kepel als auch Roy haben durchaus zutreffende Beobachtungen gemacht.

Eine Schein-Debatte also?

So könnte man es sagen. Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass Radikalisierung multifaktoriell verläuft – je nach individuellem Prozess ist mal der eine, mal der andere Faktor stärker. Das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Einflüsse – etwa Deprivations- und Diskriminierungs-Erfahrungen in Verbindung mit Religion – das ist es, was wir untersuchen wollen. Nur so können wir präzise Erkenntnisse dazu erlangen, wie und in welchen Schritten Radikalisierung verläuft. Dazu gehört beispielsweise auch die Frage, zu welchem Zeitpunkt sogenannte Identitätsfusionen stattfinden, bei denen bestimmte persönliche Positionen zugunsten einer Gruppenposition aufgegeben werden.

Wie könnten sich die Ergebnisse Ihrer Untersuchung auf die Extremismus-Prävention auswirken?

Wir haben ja immer den Eindruck, als würden wir schon ewig über islamistischen Terrorismus reden. Tatsächlich ist der „Islamische Staat“ erst seit wenigen Jahren für junge Menschen weltweit attraktiv geworden. Für die Forschung ist das keine lange Zeit. Forschungsergebnisse zu generieren und dann in Konsequenzen in den Handlungsfeldern zu überführen, das passiert nicht von heute auf morgen.


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