Deutschland

Die Traditionalismusfalle

Die Traditionalismusfalle

Feinde allüberall: Wo andere von einer Übermacht sprechen, sieht der Religionswissenschafter Michael Blume den Islam in der Krise. Die zeigt sich nicht nur am demographischen Wandel.

An Katastrophenszenarien mangelt es nicht, wenn es um den Islam – insbesondere in Europa – geht. Meist drehen sie sich um eine prophezeite Übermacht der Muslime, etwa in Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ oder bei Thilo Sarrazin. Ein gegenläufiges Niedergangsszenario der anderen Art entwirft der Religionswissenschaftler Michael Blume. Ihm zufolge ist nämlich der „Islam in der Krise“. Um diese These zu belegen, räumt er mit einigen Vorurteilen auf.

So erkennt Blume keine breite Zunahme islamischer Religiosität in Deutschland, sondern vielmehr einen „stillen Rückzug“ vieler Muslime aus der Religion. Statistiken, die aus der islamischen Welt stammende Deutsche oder Zugewanderte pauschal als Muslime zählen, trügen zu dem verfälschten Eindruck ebenso bei wie die spezielle Regelung der Religionszugehörigkeit im Islam. Der geht in Ermangelung einer Taufe und einer Staatskirche von einer automatischen Vererbung der Konfession aus, kennt zugleich aber in der Regel keine Möglichkeit, aus dem Glauben auszutreten.

Die Lippenbekenntnisreligion

Aber auch die schwache institutionelle Vertretung durch die Islamverbände habe einen Anteil daran, dass viele Muslime eine wachsende innere Distanz zum Islam in seiner organisierten Form aufbauten. Dies gelte ungeachtet der Tatsache, dass Muslimsein für viele, insbesondere Jüngere, in Deutschland zu einem „Identitätsmarker“ geworden ist. „Der Islam wird zu einer bloßen Bekenntnisreligion – und häufig zu einer Lippenbekenntnisreligion“, schreibt Blume.

Ein anderes Feld, auf dem er Anzeichen eines Niedergangs findet, ist die Demographie: In Teilen der islamischen Welt, vor allem unter Bessergebildeten, sinken die Geburtenraten. Blume führt das auf die „Traditionalismusfalle“ zurück: Frauen sind häufiger als früher berufstätig, ein Umstand, der eine besondere Herausforderung für konservative Religionsgemeinschaften darstellt. Denn diese könnten ihren Kinderreichtum nur dann aufrechterhalten, „wenn sie entweder ihre Lebenswelten stabil halten (...), oder wenn sie sich auf die schnellen Veränderungen durch neue Angebote wie Kindergärten oder Schulen einstellen“. Dies gelinge beispielsweise orthodoxen jüdischen Gemeinden oder den Amischen besser als der islamischen Welt, in der Junge und Bessergebildete in der Regel keine aktive Familienpolitik und kaum Religionsfreiheit vorfinden – und daher entweder weniger Kinder bekommen oder auswandern.


Posten Sie Ihre Kommentare

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet

*

Quds cartoon 2018
We are All Zakzaky