Deutschland

Der Absturz eines Systems

Der Absturz eines Systems

Talkshows wollten die tragende Säule sein für den politischen Diskurs. Was die Parlamente mit ihren ritualisierten Debatten nicht mehr leisten, solle die TV-Rederunden austragen. Doch die Polit-Talkshow sei am Ende, kommentiert Arno Frank von der "taz". Eine Chance habe das Fernsehen aber noch.

Nach ihrem eigenen Selbstverständnis und in ihrer Wirkung ist die Talkshow mehr als nur Show. Sie will tragende Säule sein für den politischen Diskurs, mit dem sich unsere Gesellschaft fortwährend über sich selbst verständigt. Was die Parlamente mit ihren ritualisierten Debatten nicht mehr leisten, hier wird's angeblich ausgetragen.

So ist es gedacht.

Und so geht das jetzt nicht mehr weiter.

Wäre die Talkshow wirklich ein Miniaturparlament, ein Markt für Meinungen oder eine Werkstatt zur politischen Willensbildung, dann würde über Mietpreise, Bildung oder Strukturwandel geredet. Die mit weitem Abstand häufigsten Themen aber sind seit Jahren schon: Islam, Terror, Flucht.

Geht es um Fluchtbewegungen, dann zuverlässig um deren negative Auswirkungen und Möglichkeiten ihrer Begrenzung - als hätte Flucht keine Ursachen, als wäre Asyl kein kostbares Menschenrecht, als läge in der Zuwanderung nicht auch eine Chance für unser Land.

Verzerrende Themensetzung 

Geht es um Terror, dann zuverlässig um religiösen Extremismus - als litten darunter weltweit nicht vor allem Muslime selbst, als wäre diese Minderheit in unserem Land nicht selbst Ziel rechtsradikaler Anschläge und rassistischer Übergriffe.

Das Fass zum Überlaufen brachte die jüngste Ausgabe von "Maischberger", bei der allen Ernstes erörtert wurde, ob "wir" zu "tolerant" gegenüber dem Islam sind. Gerade so, als gehörten Menschen muslimische Glaubens nicht auch zu Deutschland. Gerade so, als spiele im Alltag dieser Minderheit die Religion nicht eine ebenso folkloristische Nebenrolle wie im Leben der meisten Christen.

Durch ihre verzerrende Themensetzung hält die Talkshow die zentrifugalen Kräfte unserer Gesellschaft in Schwung, beschleunigt sie noch.

Es sind Rückkopplungen in der Echokammer. Aus Furcht vor dem Verdacht, Probleme "schönzureden", werden sie notorisch schlechtgeredet, werden apokalyptische Zustände herbeipalavert.

Bodenloser Abgrund aus Hass und Häme in sozialen Medien

Man muss nicht auf Wahlen warten, um die Folgen dieses toxischen Treibens zu bestaunen. Wer den Fehler macht, während der laufenden Sendung einen Blick in die sogenannten sozialen Netzwerke zu wagen, der blickt in einen bodenlosen Abgrund aus Hass und Häme. Aus diesem Abgrund steigt, dazu braucht’s nicht viel, die Gewalt. Heute schon.

Nun sind die Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Talkshows nicht mit Idioten besetzt, die nur auf die Quote schielen würden, während sie an ihrem eigenen Ast sägen. Kritik kommt an. Selbstkritik wird geübt. Themen und Gäste werden mit Bedacht und Besonnenheit ausgewählt.

Demagogen, heißt es auf Nachfrage, wolle man mit Argumenten überzeugen und mit Fakten "entlarven". Vielleicht liegt hier eine Wurzel des Problems. Die Aufdeckung der Lüge, die Enthüllung der wahren Absicht, dieses "Ich komm dir schon auf die Schliche!" ist eine alte und ehrenwerte Tugend des unabhängigen Journalismus. Warum also bewirkt sie inzwischen das Gegenteil?

Gefährliche Rolle bei der Erosion für unser gesellschaftliches Miteinander

Weil es nichts zu "entlarven" gibt. Feindliche Ablehnung liberaler Demokratie und ihrer Werte befindet sich nicht mehr in larvenhaftem Zustand. Sie ist voll ausgeprägt. Sie liegen offen zutage, hat bereits Flügel ausgebildet – und ist ein so obszöner Fremdkörper im gedeihlichen Miteinander, dass die Talkshow gar nicht anders kann, als diesen Fremdkörper hilflos zu umkreisen. Mit Entlarvung kommt sie dem Offensichtlichen nicht auf die Schliche. Damit befördert sie automatisch sein Geschäft.

Ihre staatstragende Funktion hat die Talkshow immer gerne überschätzt. Nicht mehr zu unterschätzen aber ist heute ihre gefährliche Rolle bei der Erosion, die unser gesellschaftliches Miteinander ergriffen hat. Sie ist am Ende.

Mehr Talk, weniger Show. Kein Parlament, sondern ein Hinterzimmer

Schon hat der Deutsche Kulturrat eine einjährige Sendepause für die großen Talkshows angeregt. Einen größeren Fehler könnte man kaum machen. Das Gequake aus der Kloake der sogenannten "sozialen Medien" würde bald so ohrenbetäubend, dass man überhaupt kein vernünftiges Wort mehr versteht. Dahin geht die Reise sowieso, zu Facebook, Twitter und Co.

Vielleicht ein Grund für das Fernsehen, den Sprung zurück in die Zukunft zu wagen. Leiser sein, nicht lauter. Länger, nicht kürzer. Mehr Talk, weniger Show. Menschen vorstellen, nicht Themen durchhecheln. Kein Parlament, sondern ein Hinterzimmer. Ein echtes Gespräch, konzentriert, unter vier Augen. Mit Horst Seehofer, Andrea Nahles, Robert Habeck, Christian Lindner, Alexander Gauland, einem schlauen Bischof, einem verständigen Imam, ganz egal.

Das Publikum würde sich womöglich den richtigen Reim auf das Gebotene machen.

Und nicht, wie dieser Tage ganz gewiss, einen falschen.


Posten Sie Ihre Kommentare

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet

*

Quds cartoon 2018
Hadsch-Botschaft des Revolutionsoberhauptes Ajatollah Khamenei 2017
پیام امام خامنه ای به مسلمانان جهان به مناسبت حج 2016
We are All Zakzaky